Impulse zum Thema AUFKLÄRUNG

 

Aufklärung steht im alltäglichen Sprachgebrauch für das Bestreben, durch den Erwerb neuen Wissens Unklarheiten zu beseitigen, Fragen zu beantworten, Irrtümer zu beheben. Historisch versteht man darunter vor allem politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Europa und Nordamerika seit den Religionskriegen, deren Errungenschaften bereits im 18. Jahrhundert als epochal gewürdigt wurden – man sprach und spricht in verschiedenen Bereichen der Geschichtsschreibung von einem Zeitalter der Aufklärung. (http://de.wikipedia.org/wiki/Aufklärung)

 

Immanuel Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

 

Peter Strasser
Selber denken... Die höhere Dummheit

Es war Robert Musil, der 1937 zu einer ebenso erhellenden wie irritierenden Gegenüberstellung findet. Der „ehrlichen Dummheit“, die dem dummen Menschen eigne, konfrontiert er die „höhere“: Sie sei die „eigentliche Bildungskrankheit“. An Musils Unterscheidung anknüpfend, soll im Vortrag nicht nur gezeigt werden, wie das Credo der Aufklärung – „Selber denken!“ – in seiner popularisierten Form zu Anmaßung und Überforderung führt. Besonders soll argumentiert werden, dass die gleichsam besinnungslose Anwendung der Selbstdenker-Maxime auf alle Aspekte des menschlichen Lebens, namentlich Moral, Kunst und Religion, Sensibilitätsdefizite erzwingt, die „auf höherer Ebene“ verdummen.

(aus dem Programm der Gmundner Kulturvermerke im Oktober 2011)

 

Aus einem Inerview in den Oberösterreichischen Nachrichten mit Philipp Blom, Autor des Buches „Böse Philosophen“:

(…) OÖN: In Ihrem Buch setzen Sie sich für eine Wiederentdeckung der radikalen Strömung der Aufklärung ein. Warum verdient ein Philosoph wie Denis Diderot im 21. Jahrhundert eine Rehabilitierung?

Blom: Was wir in der Schule gelernt haben, als Aufklärung zu sehen, ist einerseits der Kampf gegen den schlimmsten religiösen Obskurantismus und die absolutistische Willkür, andererseits ein gewisser Kult der Vernunft. Die Aufklärung, die wir als Aufklärung kennen, geht aber eigentlich nur die Hälfte des Weges.

OÖN: Inwiefern?

Blom: Wenn ich die Vernunft als Lebensziel sehe, stehe ich irgendwann vor dem Problem, dass ich an einem Körper hänge, der überhaupt nicht vernünftig ist. Ein Körper, der Impulse hat, der sich verliebt, der Schmerzen hat. Und dieser Körper passt nicht in die Vision des vernünftigen Menschen hinein. Radikale Denker wie Holbach oder Diderot haben argumentiert, dass es ein gottloses und sinnloses Universum sei, in dem wir leben. Aber dass wir diesem Leben eine Menge Schönheit und Sinn abgewinnen können. Und zwar, wenn wir solidarisch mit anderen Menschen leben. Ein Universum ohne Gott ist ein Universum ohne Sünde, ohne das Böse. Dann fällt auch die christliche Verdammung von Freude und Genuss weg. Den Gedanken, dass man nur fürs Jenseits lebt, haben diese Philosophen für pervers gehalten. Ihr Zugang zu Genuss, Lust und Eros ist nicht von christlichen Sündengedanken geprägt, sondern etwas Gutes. Wir sind nicht auf der Welt für die Vernunft.

OÖN: Warum haben aber dann, anstelle von Holbach und Diderot, Voltaire und Rousseau unser Bild der Aufklärung entscheidend geprägt und auf dem Aktienmarkt der historischen Reputation gesiegt?

Blom: Rousseau und Voltaire sind zwei vollkommen verschiedene Patienten. Voltaire hat die deistische, aber rationalistische Aufklärung geprägt, die sehr stark für eine soziale Hierarchie eintrat. Es durfte für ihn nicht zu weit mit dem Aberglauben gehen, aber ein bisschen Aberglauben ist nötig, um die Menschen dort zu halten, wo sie sind. Rousseau ist ein Vordenker der totalitären Diktatur, die im Namen der Güte des Menschen Geheimpolizei, Zensur und die Hinrichtung von Dissidenten fordert. Das waren zwei Denkmodelle, die hierarchische Gesellschaft der Oligarchen bei Voltaire, und Rousseaus vom Naturrecht geprägte Gesellschaft, die direkt in die Diktatur führt, mit denen das 19. und 20. Jahrhundert sehr gut leben konnten. Der Kapitalismus und die Diktaturen dieser Zeit brauchten Vordenker – und fanden Voltaire und Rousseau. Damals zementierten sich diese philosophischen Reputationen ein. Diderot forderte eine kompromisslose Neugründung unserer Gesellschaft, die viel stärker auf Solidarität baute und nicht auf Macht von oben nach unten.

OÖN: In welche Richtung zielte die gesellschaftspolitische Vision der Philosophen, die in Holbachs Salon diskutierten?

Blom: Das Ziel war ein säkularer Staat. Da sind sie sehr aktuell. Unsere Länder sind längst Integrationsländer geworden, ob wir das gut finden oder nicht. Ein Zusammenleben kann nur funktionieren, wenn wir uns auf gemeinsame Werte einigen können. Und das müssen säkulare Werte sein, weil man sich über religiöse Werte niemals verständigen kann. Insofern sind diese Vordenker einer radikal diesseitigen Gesellschaft, die ihre Prinzipien nur danach ausrichtet, wie man sich einander nicht schaden, sondern helfen kann, unglaublich modern. Das Ziel ist, eine Moral zu gründen, die nicht mehr von einem christlichen Körperbild, das Schmerz verherrlicht und die Lust verteufelt, ausgeht, und uns ermöglicht, erfüllte und solidarischere Leben zu leben. Es geht darum, nach der eigenen Kultur zu leben und nicht wider die eigene Natur. Und das haben aufregende Denker, die uns heute noch viel zu erzählen haben, schon vor 200 Jahren gemacht. (…)

http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/art16,736236