Sprachbarrieren 18.11.06 - Zusammenfassung
Die emotionalen Barrieren sind wesentlich größer als die rein kognitiv bedingten.
Emotionen haben einen gewaltigen Einfluß auf den Komplexitätsgrad von Informationen.
Von den am wenigsten komplexen Informationen, solchen logischer und mathematischer Natur kann man eine höhere Übereinstimmung zwischen Sendercodierung und Empfängerentschlüsselung erwarten. In diesem Philosophencafe wurden sehr viele verschiedene Beispiele in einer überaus anregenden Diskussionsatmosphäre gebracht:
Bilder werden in Worte umgesetzt, die Bilder richten sich stark nach dem sozialen Umfeld.
Nicht immer erkennbare Barrieren sind Fremdsprachen, Übersetzungsfehler, Sinnverschiebungen und pragmatische Fehler die zu Kulturüberschreitungen und Tabubrüchen führen weisen auf unabsichtlich aufgestellte Barrieren hin. Das passiert derzeit in Multi-Kulti-Gesellschaften oft auch unabsichtlich. Diese schwer erkennbaren Barrieren sind tief im jeweiligen Kulturverständnis verankert und weisen strukturellen Charakter auf.
Nur: sie werden dann ,wenn Beleidigungen manifest werden, bewusst gemacht und verlangen nach ethischer Aufarbeitung, ohne in überhebliche Arroganz zu verfallen und einen Justament-Standpunkt einzunehmen. Der Zusammenhang mit Machtfragen wird dann klar .
Objektiv gesehen besteht dann die Frage, wer standhafter ist beim Verteidigen eines Kulturbestandes. Hat der Kulturgastgeber das Recht oder die Pflicht, seine Kultur bis in die Ewigkeit unverändert zu bewahren ? Wer soll mit dem Barrierenabbau zuerst beginnen ? Der Gast oder der Gastgeber. Zu Kolonisationszeiten waren es die überfallenen Kolonien.
Die Barrieren, so meinte ein junger Zivildiener , erlebte er selbst im Generationen-übergreifenden Kontext. Seine Schlussfolgerung: 100 % iges Verstehen gäbe es nicht. Hinweise auf den Bedeutungswandel von Begriffen aber auch auf den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sprache weisen auf soziale Konfliktfelder hin.
Über den Hinweis, dass im wissenschaftlichen Bereich Barrieren niedriger seien, wurde heftig gestritten. Ein anderer Hinweis auf den Sinn von Kommunikation als Erschaffung von Realität unterstrich die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaften.
Aus sprachpädagogischen Gründen ist dem frühzeitigen Code-switching größte Aufmerksamkeit zu widmen. Der Fremsprachenerwerb schärft die Wahrnehmung des Anders-Seins, der Differenz und der Vielfalt, wobei dadurch dem Rassismus vorgebeugt und die Toleranz gefördert wird. Gleichzeitig findet ja auch Angstabbautraining dem Fremden gegenüber statt, indem die Unsicherheit durch die familiäre Geborgenheit beim Kind stark abgeschwächt wird, wenn es so früh wie möglich mit Fremdsprachen konfrontiert wird.
Diese großzügige Zusammenfassung kann nur ansatzweise die besprochenen Themen
Wiedergeben. Außerdem gab es einen Gesprächsfaden, wobei die Wortmeldungen stark aufeinander bezogen waren. Auch später hinzugefügte Gedanken waren nicht störend, da sie so klar formuliert wurden, dass der Einbau in frühere Zusammenhänge leicht fiel.
Paul Peckary
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Und noch eine Zusammenfassung zu den Sprachbarrieren, vorausgeschickt noch meine Impulse, die ich per E-Mail an alle auf der Philosophencafé-Verteilerliste geschickt habe:
Sprachbarrieren - Impulse
Wenn man sich überlegt, wo überall in der Kommunikation Hindernisse und Fallen verborgen sind, dann fragt man sich, wie sie überhaupt so recht und schlecht funktioniert.
Die, sozusagen „größten Brocken“ sind:
a) das Verhältnis von Bewusstseinsinhalten und den „Gegenständen“ in der Welt – d. h., die ganze Frage der Wahrnehmung bzw. Erkenntnis. Das soll aber hier nicht unser Hauptthema sein.
b) das Verhältnis von Bewusstseinsinhalten und dem, was davon kommuniziert wird. Die Umsetzung von Bewusstseinsinhalten in sprachliche Äußerungen ist immer nur eine Annäherung, die zwangsläufig ungenau oder auch fehlerhaft ist und Missverständnisse begünstigt. Hier eine kurze Beschreibung des Sender-Empfänger-Modells, das in diesem Zusammenhang auch nützlich ist:
Das Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation, das von Stuart Hall 1970 entwickelt wurde, definiert Kommunikation als Übertragung einer Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger. Dazu wird die Nachricht kodiert und als Signal über einen Übertragungskanal übermittelt. Dabei kann die Nachricht durch Störungen verfälscht werden. Eine Voraussetzung für die erfolgreiche Kommunikation ist, dass Sender und Empfänger die gleiche Kodierung für die Nachricht verwenden. (Wikipedia)
Ergänzung: Das verwendete System zur Kodierung ist der Code oder die Sprache, genauer gesagt, eine bestimmte Variante einer Sprache.
Ein Hauptpunkt bei der Umsetzung von Bewusstseinsinhalten in Sprache (Kodierung) ist die Tatsache, dass es kognitive (sachliche – „Darstellungsfunktion“) und emotionale Inhalte gibt. Die emotionalen Inhalte zeigen sich z. B. in der Einteilung der Funktionen der Sprache in Appell-, Ausdrucks- und Beziehungsfunktion (z. B. nach F. Schulz von Thun). Emotionale Inhalte werden oft indirekt oder „zwischen den Zeilen“ ausgedrückt.
Eine Reihe von Beispielen für Sprachbarrieren bzw. deren Ursachen:
- soziale Varianten, Dialekt, Jargon/Fachsprache, …(Code)
- Fremdsprachen: Übersetzung, …
- Differenziertheit der Sprachkompetenz des jeweiligen Kommunikationspartners
- Ausdruck vor allem emotionaler Inhalte über nonverbale Kommunikation (Mimik, Gestik, Körperhaltung, Sprachmelodie, Tempo, …)
- Konnotationen (betrifft auch hauptsächlich die emotionale Ebene)
- emotionale Barrieren, Beziehungsebene, unbewusste Teile der Kommunikation (siehe nonverbale Kommunikation)
- gewollte oder ungewollte Zweideutigkeiten
- Verdrängungen und Tabus
- Sprache formt Weltbild und umgekehrt
- Wertedifferenzen (zum Großteil erziehungsbedingt)
- Grad der Komplexität von Äußerungen / Texten
Resümee:
Die wichtigsten Punkte bzw. auch die wichtigsten Schlussfolgerungen aus der Diskussion waren für mich (diese Auswahl ist sehr subjektiv):
- Trotz mannigfaltiger Sprachbarrieren funktioniert Sprache „ungefähr“ (eine andere geäußerte These war: Kommunikation kann nur zufällig funktionieren), denn wenn die vorhandenen Sprachen und deren Funktionen nicht zweckdienlich wären, dann hätten sich zweckmäßigere Sprachen entwickeln müssen (Prinzip der Evolution).
-
Das Funktionieren von Sprache, besonders wenn es
ein bisschen komplexer wird, bedarf eines interaktiven, also stets abwechselnden
Prozesses. Mit anderen Worten: Wenn sich zwei Kommunikationspartner gegenseitig
annähern sollen, dann müssen sie stets gegenseitig überprüfen, wie etwas
angekommen ist, und bei Bedarf korrigieren.
(Ein Sonderfall wäre z.B. die Kommunikation zwischen einem Romanautor und seinen
Lesern.)
- Sprachbarrieren entstehen einerseits durch unterschiedliche Varianten von Sprachen, die der jeweilige Kommunikationsteilnehmer einsetzt – Muttersprache, Hochsprache, Dialekt, Fremdsprache, Soziolekt, unterschiedliche Varianten älterer oder jüngerer Sprecher, etc. Dabei sind Sprachbarrieren auch Kulturbarrieren. Bessere sprachliche Verständigung verbessert daher die kulturelle Verständigung.
- Sprachbarrieren entstehen auf vielfältige Weise auf der emotionalen Ebene bzw. der Beziehungsebene der Sprache. Diese zwei Begriffe meinen teilweise, aber nicht immer, das Selbe. Sprachbarrieren dieser Art funktionieren oft unterbewusst und über nonverbale Kommunikation (Körpersprache) und sind daher schwer zu überwinden. Auch Angst ist eine solche Barriere, deren Bedeutung in der Diskussion nur angedeutet wurde.
- Die ethische Konsequenz aus dem vorigen Punkt klang in der Diskussion in etwa so an: Achtung und guter Wille gegenüber dem Kommunikationspartner ermöglichen eine Verringerung der Sprachbarrieren und eine Annäherung auf der Beziehungsebene. Das Gegenteil wäre Manipulation durch Sprache, d.h., bewusst falsche Botschaften aus egoistischen Gründen. (z.B. in der Werbung, bewusstes Vorspielen falscher Gefühle)
Herbert Pollhamer
Bericht über das
Philosophencafe in Gmunden vom 7.10.06 – „Entwicklung des
Demokratieverständnisses“
Das Philosophencafe in Gmunden hat seinen Diskussionsort verlagert und bleibt trotzdem seinen Grundsätzen treu. Der Markt der Meinungen und die Vielfalt von Weltanschauungen wird auf seine Verträglichkeit und Standpunktfestigkeit in offenen, gepflegten Diskussionen überprüft. Wie immer wurde der Rahmen von 2 Stunden öffentlicher Diskussion voll genutzt.
Einleitende Impulse durch die Moderatoren wiesen auf die historische Entwicklung des Demokratiebegriffes hin. Von autokratischen und monarchischen bis zu demokratischen Staatsformen der westlichen Ausprägung zeigt sich eine Grundtendenz: nämlich Konfliktbereiche der jeweiligen Gesellschaften rational und gestützt durch Mehrheiten und nicht durch Gewalt zu lösen. Um die Frage nach Lösungen zu klären, führten die Besucher des Philosophencafes konkrete Ärgernisquellen über gesellschaftliche Zustände und Erklärungsversuche an. Die Verunsicherung von Staatsbürgern wie die Rechtsbiegung im Falle der Wirtschaftskriminalität in einigen prominenten Fällen oder das wenig vorbildliche Verhalten von Spitzenpolitikern stellt demokratische Strukturen in Frage.. Der Verlust von Ideologien wurde kritisiert, da doch Wertekataloge den Sinn hätten, dass Politiker zu gewissen Grundsätzen stehen sollten. Ebenso wurde die verloren gegangene Glaubwürdigkeit beklagt(was vor den Wahlen versprochen wird, muß nachher gehalten werden) Dies alles trägt zur Parteienverdrossenheit (fälschlich Politikverdrossenheit) bei.
Die Ursachen verschiedener Missstände, die in demokratischen Staaten vorkommen, sind sicher vielfältig, sie wirken sich aber in Unzufriedenheit und Zorn der Bürger so aus, dass diese entweder nicht , ungültig oder protestierend wählen. Offenbar müssen Demokratiestrukturen schon noch an Zeitumstände so angepasst werden, dass Verteilungsungerechtigkeiten entweder erklärt oder aber ausgeglichen werden. Kontrollinstanzen sollten in Demokratien verbessert werden. Große und den Staatshaushalt belastende Ausgaben müssen jedem erklärt und transparent gemacht werden. Demokratie und Ehrlichkeit sollte sich schon vereinbar sein.
Diese Diskussion zeigte, dass vor allem 1 Woche nach den Wahlen einige wichtige Themen zu bestimmten Inhalten noch sehr präsent und daher engagiert diskutiert wurden.
Trotz dieses politischen Schwerpunktes hatte man den starken Eindruck, dass alle Teilnehmer den Interessensausgleich zum wichtigsten demokratischen Prinzip erhoben. Immanuel Kant charakterisierte die Demokratie folgendermaßen:“ Es gebieten alle zusammen über einen jeden und mithin auch über sich selbst.“
Paul Peckary
GEFÜHLE - kein
leichtes THEMA im PHILOSOPHENCAFE – 11. 3. 2006
Wie soll man aus starker Verbundenheit zur Tradition der Philosophiegeschichte ein solches Thema in einer öffentlichen Diskussion mit einem Publikum, das sich dem konkreten Leben gegenüber stärker als der philosophischen Lehre verpflichtet fühlt, argumentieren ? Es kam zu einer spannenden Auseinandersetzung zwischen den erdigen Teilnehmern und den universitär ausgebildeten Philosophen. Jeder Mensch hat ein spezielles Nervennetz im Gehirn, jeder hat eine andere Biographie und andere Erfahrungen. Gefühle sind oft schwer verbalisierbare Stellungnahmen zu den nur persönlich erlebten Wirklichkeiten. Außerdem sind sie schwer kommunizierbar, authentisch vermittelbar und verstehbar. Was konnten hier theoretische Beiträge wie das Triebstau – Modell, das emotionelle Erfahrungsgedächtnis, die Übergewichtstheorie, Empathie-Schwierigkeiten und NLP bei den Teilnehmern bewirken? Die Moderatoren waren bemüht, durch eingehende Erläuterungen diese Theorien zu erklären. Positive Verstärkungen von engagierten Fragen der Teilnehmer führten dazu, dass eine Reihe von Fragestellungen und weitergehende und vertiefende Meinungen geäußert wurden. Durch einfühlsame und wechselseitige Stellungnahmen lebte der Diskurs, also ganz nach sokratischem Vorbild. Ein Teilnehmer, der Philosophencafes in Wien genau kennt, war erstaunt über die Gesprächskultur und über den Kommunikationsstil, durch den es möglich war, dass man in Wortmeldungen doch auch auf Vorredner einging und dass unklare Begriffe sofort erläutert werden. Der starke Schlussapplaus bekräftigte die Erwartungen des Moderatorenteams, hier einen kleinen Beitrag zur Gesprächs- und Denkkultur in Gmunden zu leisten.
Armut und
Gerechtigkeit- Politiker sind gefragt
Im letzten Philosophencafe des Jahres wurden am Samstag, 17.12.05 die im Kulturcafe vorgelegten Thesen zur Armut in einer sehr gut besetzten Philosophenstube öffentlich diskutiert. Ein Auszug aus diesen Thesen:
„Armut ist systemimmanent und nicht Schicksal. Menschen haben ein moralisches Recht auf Mindestansprüche und auf Achtung ihrer Würde. Die menschliche Gier ist umso schwerer zu zügeln, je reicher und mächtiger die betreffenden Personen sind. Den vom Schicksal und System Benachteiligten sollte ausgleichende Gerechtigkeit zukommen. Grundsicherung und Tobinsteuer können einen Beitrag zur Bekämpfung der Armut darstellen.“
In diesem 41. Philosophencafe
haben die Teilnehmer in kontroversiellen Diskussionen
die Möglichkeit gehabt, sich an Lösungsansätze heranzutasten. Viele Menschen,
die für Arbeitsplätze und
Dieses Thema erwies sich als äußerst Ertrag bringend für eine engagierte öffentliche Auseinandersetzung. Man hatte den Eindruck, dass durch die starke Medienpräsenz dieses Themas die Menschen ein großes Bedürfnis haben, dieses Thema öffentlich aufzuarbeiten und an der gesellschaftlichen Gestaltung auch durch eigene Beiträge mitzuarbeiten. Der Diskussionsprozess, die Auseinandersetzung und die Reflexion eigener Ideen wird immer notwendiger, da sonst politische Entscheidungen nicht mehr den Bedürfnissen der Staatsbürger dienen.
Paul Peckary
Am 12. Februar 2005 versuchten die Gäste der philosophischen Veranstaltung nach einem sehr komprimierten und interessanten Einleitungsreferat zur Literaturgeschichte des Abendlandes die Verbindungslinien zwischen der Literatur und der Philosophie zu ziehen. Dr. Markus Kreuzwieser spannte in seinem Bogen von der impliziten Kunstauffassung der archaischen Zeit (Kunst ist Leben) über Platon (Künstler sind Lügner) bis zur Neuzeit.
Er ging speziell auf die Barockzeit und die danach stattfindende kopernikanische Wende der Abendlandkultur ein. Vor allem Kant hatte jeglicher Metaphysik und Theologie den Todesstoß versetzt, indem er Heilsvorstellungen auf eine weltliche Philosophie übertragen hatte. Der Referent stellte fest, dass Schiller und Goethe als Kantianer auch im Bewusstsein einer verloren gegangenen metaphysischen Geborgenheit lebten. Gerade in der Romantik (Kleist, Hölderlin, Novalis und Hegel) versuchte man in das Paradies zurückzukehren, aus dem man von Kant vertrieben wurde. Je höher die Abstraktion, desto eher kehrte man zurück. Über die Linkshegelianer, über Marx und Schopenhauer führte uns der Referent zu Thomas Mann und Thomas Bernhard.
Das lange Referat brachte es zuwege, gegen die Tradition eines 2-Stundendiskurses doch noch den philosophischen Kaffee-Nachmittag zu verlängern. In der intensiven Diskussion vor einem zahlreich erschienenem Publikum wurden die hinter der Literatur stehenden Weltbilder diskutiert. Soll Literatur Trost spenden, Sinn geben oder wird sie nur als Dialog verstanden werden können? Wie ist die Literatur außerhalb oder unterhalb der Weltliteratur zu verstehen? Zeichnen gute Literatur nur zeitlose Werte wie Tod, Liebe und Freundschaft aus? Darf man heute den Konsumenten von Literatur als Gradmesser von Qualität ganz außer Acht lassen? Ist Provokation kein Wert in der Literatur? Große Übereinstimmung gab es bei der Feststellung , dass subjektive Kriterien wie ästhetische Empfindung bei der Rezeption die allergrößte Rolle spielen. Gefallen fand beim Publikum das Zitat von Adorno: Begreifen, warum es mich ergreift - so kann man aus jedem Werk noch für sich Erkenntnisse herausholen, die einen gewiss weiterbringen.
Uns alle hat dieses Philosophencafé auch wieder ein Stück im Verständnis von Kultur weitergebracht.
Paul Peckary
Zur 36. Veranstaltung des 1.Gmundner Philosophencafe am letzten Samstag, den 16. 4. im Kulturcafe Villa Lehmann setzte sich der sehr gut besuchte öffentliche Diskurs fort.
Sogar ein scheinbar trockenes Thema wie die Logik lockte die Interessenten in das Kaffehaus, um bei pfauchender Kaffeemaschine und bei Guglhupf das Thema philosophisch aufzuarbeiten.
Diesmal erklärte der Gmundner Mathematikprofessor Otto Hederer als Referent in konzentrierter Weise höchst anschaulich die Aussagen- und Prädikatenlogik an Hand einfacher Beispiele. Die Teilnehmer erfuhren durch Übungsbeispiele, wie Regeln der Logik zu-standekommen und welchen praktischen Wert diese definierten Regeln auch in der Technik haben können.
Was hat die Wahrheit einer Aussage mit der Wahrheit eines Sachverhaltes oder mit gültigen Erkenntnissen oder mit der Ehrlichkeit von Menschen zu tun? Gibt es für die Logik Aufgaben in der Ethik? Wie sehr dient die Logik der Kommunikation zwischen Menschen?
Die Diskussion bewegte sich zwischen verschiedenen philosophischen Systemen, sei es dem Kritischen Rationalismus von Karl Popper, der die Falsifikation als wichtige Wahrheitsannäherung betrachtet und der Dekonstruktion von J. Derrida, dessen Wahrheitsfindung im genauen Lesen und logischen Konstruieren besteht. Woher kommt die Logik und wozu dient sie? Diese und andere Fragen wurden analysiert, differenziert und so formuliert, dass die Freude am Philosophieren durch diese Art der Großhirngymnastik gesteigert wurde.
Paul Peckary
Schon
zu einer fixen Einrichtung im Kulturgeschehen Gmundens geworden, startete das
Philosophencafé Gmunden zu seiner sechsten Saison im Kulturcafé, diesmal mit
dem Thema „Randgruppen und Feindbilder“. Zunächst wurden beide Begriffe eher
getrennt betrachtet und analysiert, wobei die Tendenz der Diskutierenden dahin
ging, die positiven Aspekte zu betonen. So wurde die Bedeutung von Randgruppen
(Gruppen, die auf Grund ihrer benachteiligten sozialen Stellung oder ihrer
Ansichten eine Außenseiterstellung haben) für gesellschaftlichen Wandel
hervorgehoben. Als Beispiel diente die iranische Menschenrechtskämpferin und
Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi.
Auch
Feindbilder können notwendig sein - zum eigenen Schutz, vor allem dann, wenn
man einer konkreten, persönlichen Bedrohung bzw. einem Angriff ausgesetzt ist.
Zugleich fand aber die Idee einer Gesellschaft ohne Feindbilder und Vorurteile
als nützliche Utopie großteils Zustimmung. Die Frage, wie weit ein Feindbild
noch erlaubt sein kann, und wo es vom ethischen Standpunkt abzulehnen ist,
blieb offen.
Weiters
wurde der Umgang mit als bedrohlich empfundenen Randgruppen diskutiert. Das
Gebot aus der christlichen Ethik „Liebe deinen Nächsten“ bzw. sogar deine
Feinde wurde in einer Auslegung als Notwendigkeit zur
Kommunikation und Kooperation interpretiert – Ausgrenzen führe zu keiner
Verbesserung im Zusammenleben. Zum Begriff des Feindes wurde auch C. G. Jung
zitiert, mit der These, dass alles, was einen an anderen besonders stört, mit
den eigenen „Schatten“ (eigene Dispositionen, die man unbewusst ablehnt) zu tun
hat. Hier gingen die Meinungen auseinander, am meisten Zustimmung schien dabei
der Gedanke zu finden, dass als schlecht beurteilte Handlungen zwar abzulehnen
sind, jeder Mensch als solcher aber respektiert werden sollte, auch wenn er
solche Handlungen begeht.
Da
jeder Mensch verschiedene Rollen in verschiedenen Situationen übernimmt, ist es
auch wahrscheinlich, dass jeder mehr oder weniger oft Mitglied einer Randgruppe
ist. Dieser Gedanke wurde soweit zugespitzt, dass jeder Mensch eine Randgruppe
(bzw. ein Außenseiter) sei, und alle anderen seine Feinde sein können – ein
Brückenschlag zwischen den beiden Ausgangsbegriffen in der Diskussion, der in
das existentialistische Weltbild passt.
Herbert Pollhamer
Ist das überhaupt möglich daß
man über wichtige sinnliche Angelegenheiten philosophiert und dabei trotzdem
dem Sinnlichen gerecht wird? Wer glaubt, daß das
Rationale im Menschen das Sinnliche verachtet hat Philosophie noch nicht
verstanden. Im 23.Philosophencafe (so oft wurde schon öffentlich philosophiert
und es besteht noch immer Bedarf!) wurde der Beweis erbracht, daß der zufriedene sinnlich-emotionale Gedankenfluß
(Flow) genüsslich sein kann. Die Teilnehmer hatten
Spaß, Freude und Glück in dem Sinn erlebt, als sie durch Erkenntnisse dem Glück
weit näher gekommen sind als so mancher Millionär oder Lottogewinner oder wie
ein ewig nach Befriedigung Suchender.
Einerseits gab es Zustimmung zur Auffassung, daß
diese 3 positiven Momente des Lebens in Abstufung nur in der Dauer zu
unterscheiden sind. Also Spaß kurzfristig, Glück als dauerhafte Lebensstimmung.
Andererseits meinte man, die 3 Momente seien nicht so deutlich voneinander zu
trennen. Außerdem wurde auch der Aspekt der Einseitigkeit erwähnt. Glück ohne
Unglück mach als philosophischer Begriff keinen Sinn.
So gesehen ist wiederum die buddhistische Auffassung als negative Erklärung -
also dem Fehlen von Leid - wieder nur die eine Seite der Medaille. Die andere
Seite wäre dann Glück als Anwesenheit von Freude zu sehen. Natürlich gibt es
noch genügend offene Fragen wie zum Beispiel, ob sich Moral und Glück
vertragen: Glück ist nicht immer sittlich und Moral macht nicht immer
glücklich. Man hat sich heute also schon recht weit von Platon und Aristoteles
wegbewegt. Sehr viele anregende Fragen und persönliche Bewertungen haben dieses
Philosophencafe wieder zu einem sehr schönen Ereignis werden lassen.
Gibt es die Gedankenfreiheit ? Kann ein Meinungsbildungsprozeß von äußeren Determinanten
(Einschränkungen) wirklich freigehalten werden ? Im
sehr gut besuchten Kulturcafe wurden darüber kontroversielle
Gespräche geführt, die immer wieder zu Annäherungen führten. Eine Teilnehmerin
charakterisierte den Diskurs damit, daß seine
Denkwege im Kaffehaus fast zum Greifen spürbar
waren. Die Freiheit - so eine Erkenntnis eines Teilnehmers - beginne im
Kopf. Der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten: die Freiheit gäbe es
gar nicht - so eine Teilnehmerin. Von Fragen des sozialen Verantwortungsgefühles
der Gesellschaft, durch das eine gewisse Grundfreiheit aller Individuen
garantiert wird, bis zur Freiheit der Wissenschaften spannte sich ein sehr
weiter Diskussionsrahmen. Es sind sehr viele „Frei-Denker“ gekommen, um ihren
Gedanken freien Lauf zu lassen und dabei sich um größtmögliche Gedankenfreiheit
zu bemühen.
Am 15.3.2003 wurde der Philosophie des Griechen Protagoras gedacht. Der neue
philosophische Relativismus, den der griechische Philosoph entwickelte machte
damals mit dem dogmatischen Schlummer, in dem sich viele Griechen befanden Schluß. Er stellte den Menschen als Maß der Dinge in das
damals vorherrschend naturzentrierte Denken der Zeit ,knapp vor Sokrates ,um
nicht der Menschheit als Ganzes, sondern den Einzelnen, das Individuum in den
Blickpunkt philosophischer Überlegungen zu rücken. Daß
man von der absoluten Wahrheit abrücken müsse, dafür gab es mehrere Gründe. Ein
und derselbe Satz kann einmal wahr, einmal falsch sein ,je
nachdem von wem, wann und unter welchen Umständen er ausgesprochen wird. Die
von Protagoras begründete Skepsis
verschonte weder
den Glauben an die Götter noch konventionell vorgegebene und als Zwang betrachtete
Ethik aus. Alles muß rationalen Wert maßstäben und Betrachtungen unterzogen werden.Die
offene und intensive Diskussion blieb Protagoras mit seiner Skepsis treu und hinterfragte folglich die
Wahrheit seiner Theorie. Die Menschen nehmen oft verschiedenes Maß wie das
Wachstum für die Wirtschaft das Hauptmaß sei für die Politik der zählbare
Erfolg, für ostasiatische Denker aber das reine Glück, den Tierschützer die
Achtung und Liebe zu Mitwelt-Wesen. Gibt es aber ein oberstes Maß-einen
absoluten Wert ?Gibt es eine Nützlichkeit für das
gesamte Kollektiv ?Der kulturelle Relativismus sieht eher eine Verschiedenheit
der kulturell geprägten Normen ohne der ethischen Überlegenheit. einer dieser
Normen. Warum übernimmt aber dann die westliche Welt die Verantwortung z.B. für
den Islam oder Buddhismus - trotz der behaupteten Gleichwertigkeit. Gibt es da
ein allgemeines Maß für alle Menschen ? So wie wir
bemüht sind, techniche Maßstäbe zu globalisieren, so
sollten wir dies auch in ethischer Hinsicht
insofern anstreben, als wir zur Erkenntnis kommen sollten - in Ägypten,
in der Türkei, in Bagdad und in New York: wir sollten uns bemühen, schlechte
Normen und Maßstäbe zu verwerfen und richtige Maßstäbe zu entwerfen.
Am 9.Oktober 2002 versammelten sich Kaffehausgäste
im Kulturcafe Lehmann, Gmunden, um über das Thema „Apokalypse“ zu diskutieren.
Diese visionäre religiöse Literatur regte die Menschheit immer wieder zur
Verarbeitung an. In wichtigen kulturellen Bereichen, wie die Bildenden Künsten,
die Literatur und Filmkunst, aber auch im Politischen (Mißbrauch
durch Streitparteien und Streitvölkern durch gegenseitige Zuschreibung des
Bösen) wird das Thema der End-Zeit-Scenarien
verarbeitet. Philosophisch eher selten aufgearbeitet, hat sich das Gmundner Philosophencafe diesem komplexen und schwierigen
Thema zugewandt. Was kann theologisch
darüber gesagt werden? Ist es als drohendes Scenarium
aufzufassen und erinnern uns apokalyptische Reiter daran, um Angst zu bekommmen?
Wie geht es nach der Erlösung weiter ?Wie können sich
Menschen in Anbetracht der bevorstehenden Katastrophe auf die Gegen wart
einstellen? Können wir bisher erlebte Katastrophen als reine Wirkungen von
Naturgesetze auffassen oder ist es schon ein Teil des Damoklesschwert?
Solche und ähnliche Fragen wurden diskutiert. Die ethische Konklusio
mündete im Schlußteil der Diskussion in eine
interessante Fragestellung ohne pädagogischem Zeigefinger: kann nicht die trotz
apokalyptischer Zukunft gezeigte Gelassenheit der Teilnehmer auch als Chance
betrachtet werden? Macht nicht die im täglichen Leben gezeigte
Einzelverantwortung Sinn trotz schlechter Aussichten ?
Am 10.Mai hat sich die philosophische
Öffentlichkeit im Gmundner Kulturcafe Lehmann mit der
Esoterik beschäftigt. Man sollte natürlich vorwegnehmen, daß
Platons Ideenlehre, die Gnosis und Mystik, Theosophen und Anthroposophen sowie
die Gesamtbewegung des New Age sichtbare
Ausprägungen in der Ideenwelt der
westlichen Gesellschaften aufweist. Man darf aber auch nicht vergessen, daß in vielen religiösen Elementen und Ritualien
esoterisches Gedankengut mitverarbeitet wurde. Als westlich denkender Mensch
fällt es einem doch sehr schwer, so manche Phänomene der Esoterik auf Anhieb zu
verstehen. Der rational geschulte Mensch verlangt Erklärungen, Beweise und
Argumente, die eben im empirisch-logischen Denkkorsett gebräuchlich sind - und da muß man eben staunend und zweifelnd vor so mancher
Erklärung der Esoteriker resignieren. In manchen Bereichen, wie z.B. in der
Homöopathie gibt es aber doch auch naturwissenschaftliche Nachweisverfahren.
Die Diskussionsgruppe schien es aber dabei zu belassen und nicht immer alles zu
hinterfragen .Auch orakelnde Philosophen der Antike, wie z.B. Platon mit seiner
Ideenlehre oder der Seelenwanderungslehre sind bisweilen vom Vorwurf getroffen
worden, nichts als reine Gespenstermetaphysik zu betreiben. Philosophie muß hinterfragen. Sind Gespenster, Sagengestalten,
Märchenfiguren so zu behandeln wie naturwissenschaftliche Phänomene? Gewiß spielt das´´glauben an etwas´´eine sehr große Rolle. Der Glaube versetzt nicht nur
Berge , sondern
bewegt auch die Menschen dorthin, wo alternativ-medizinische
Heilverfahren, Meditation und Yoga angeboten wird, um Bedürfnisse zu decken, die
doch mit dem Leben im eigentlichen Sinne viel zu tun haben. Dieses
Philosophencafe war sicher herausstechend in der Thematik, war keine übliche
Diskussion aber doch eindrucksvoll.
Am 19.1. erlebten die Teilnehmer einer philosophischen Diskussion im
Kulturcafe Lehmann in Gmunden die
Schwierigkeiten eines multikulturellen Dialogs
und eines friedlichen Streitgespräches zwischen den Religionen. Mit großem Interesse hat man
die Gegensätze zwischen den Standpunkten verfolgt. Das religiöse
Gebet der Muslime auf den Gebetsteppichen des Kaffeehauseingangs brachte uns ihre Gläubigkeit näher.
Trotz ähnlicher ethischer Ansätze zwischen den abrahamitischen
Religionen konnten deutliche Grenzlinien
zwischen diesen Religionen gezogen
werden. Gibt es aber totzdem mehr Normenübereinstimmung
?
Man sollte doch in einer
zusammenwachsenden Welt miteinander auskommen. Es wurde gefordert, dass sich
konfessionelle Haltungen auf die Ethik
des Gemeinschaftslebens nicht hinderlich auswirken dürfen. Viele Fragen blieben
offen, philosophische Zielsetzungen waren im voll besetzten Cafe erkennbar.